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Die Union streitet seit Wochen über die Homo-Ehe. Wie weit die Ansichten allein in der CDU auseinandergehen, offenbart sich bei Günther Jauch. Dort ist eine Familienpolitikerin der Partei doch tatsächlich der Überzeugung, nur weil Schwule adoptieren dürfen, würden weniger Kinder geboren.
Barack Obama will sie, Clint Eastwood will sie, nur die Union zögert – die Homo-Ehe entzweit das Parteiengespann. Seit Wochen wird in der schwarz-gelben Koalition darüber gezankt, ob homosexuelle Partnerschaften mit der Ehe rechtlich gleichgestellt werden sollten. Vor allem in der CDU brodelt es!
Die Politik ist unter Zugzwang. Erst kürzlich hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Rechte Homosexueller gestärkt. So sollen Schwule und Lesben künftig nicht nur das leibliche, sondern auch das Adoptivkind ihres eingetragenen Lebenspartners adoptieren dürfen.
Während einige CDU-Politiker für eine Öffnung der Partei hin zu neuen Lebensmodellen plädieren, lehnen viele das ab. Insbesondere der konservative Flügel pocht auf das klassische Familienbild aus Vater, Mutter und Kind und wehrt sich deshalb auch dagegen, homosexuellen Paaren das Recht auf Volladoption und Ehegattensplitting zu gewähren.
Im Wahlkampf ist das ein gefundenes Fressen für die Opposition – und für Günther Jauch, der einen Tag vor dem erwarteten Machtwort der Kanzlerin zum Thema «Kinder, Steuer, Ehe – gleiches Recht für Homosexuelle?» diskutierte.
Die Gäste:
- Kritiker der Homo-Ehe: Katherina Reiche (CDU), Umweltstaatssekretärin und Familienpolitikerin, und Reinhard Müller, Journalist
- Befürworter der Homo-Ehe: Stefan Kaufmann (CDU), Bundestagsabgeordneter, und Henning Scherf (SPD), ehemaliger Bürgermeister und Senatspräsident der Hansestadt Bremen
- Betroffener: Thomas Welter, Volkswirt, lebt mit Mann und zwei Adoptivkindern in Berlin
Der Talk:
Besonders häufig zu Wort kommt CDU-Politikerin Katherina Reiche – leider. Sie vertritt ein Familienbild, wie man es im 21. Jahrhundert kaum noch für möglich hält. Das besteht aus Mann, Frau und Kind und bedarf besonderen Schutzes, so Reiche. Denn schließlich brauche es Mann und Frau, «um unsere Gesellschaft am Leben zu erhalten».
Regenbogenfamilien, wie sie bei Jauch anhand mehrerer erfolgreicher Beispiele vorgestellt werden, sind ihr ein Graus. Diskriminieren wolle sie diese Lebensmodelle nicht, und doch schwingt bei jedem Satz von Reiche eine gewisse Verachtung und Geringschätzung mit.
Etwa wenn sie fragt, was noch übrig bleibe von Familie und Ehe, würde man die Homo-Ehe gleichstellen. Oder wenn sie immer wieder betont, der Staat habe dafür Sorge zu tragen, dass die die Gesellschaft fortbestehe. Als ob Schwule und Lesben mit Kindern keine Familien seien und zum Aussterben unserer Spezies führen würden.
Das sagt das Grundgesetz
Besonders perfide an Reiches Argumentation ist, dass sie ihr Nein zur Homo-Ehe mit dem Grundgesetz begründet und gegen andere familienpolitische Erwägungen ausspielt. So könne, wenn alles gleich behandelt werde, Artikel sechs der Verfassung nicht mehr greifen. Der besagt:
«Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.»
Zwar ist nirgends definiert, wie diese Ehe oder Familie auszusehen hat. Doch für Reiche gehören gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht dazu. Statt diese «Randgruppe» zu fördern, sollten politische Ressourcen lieber in «normale» Familien gesteckt werden, wie sie von mehr 75 Prozent der Deutschen gelebt würden – mit Mann und Frau.
Dass Kinder, deren leibliche Eltern sich nicht um sie kümmern konnten oder wollten, auch bei Schwulen und Lesben ein geborgenes und liebevolles Zuhause finden können, scheint in Reiches Weltbild nicht vorzukommen. Ebensowenig wie die Tatsache, dass homosexuelle Eltern genauso viel leisten wie heterosexuelle (vielleicht sogar mehr) und deren Kinder genauso förderungswürdig sind.
Homosexuelle als Bürger zweiter Klasse
Umso verwunderlicher ist, dass Reiche für ihre antiquierten Ansichten Applaus erntet und auch in der Runde einen Fürsprecher findet – den Journalisten Reinhard Müller. Er schockiert mit der Aussage: «Gerechtigkeit heißt nicht, dass ich Ungleiches gleich behandle.» Frei übersetzt sagt Müller damit, dass Schwule nicht das Recht auf Gleichbehandlung hätten, weil sie anders lebten, anders liebten.
Homophobie deklariert als Wertemuster: Das könnte man Müller und Reiche unterstellen. Erst recht, wenn letztere den Schluss zieht, mit Gleichstellung der Homo-Ehe werde das bürgerliche Modell der Ehe diskreditiert. «Sie sind auf dem völlig falschen Dampfer. Keiner will die Mehrheit diskriminieren», wendet Henning Scherf von der SPD ein.
Seine lesbische Tochter zieht mit ihrer Lebensgefährtin und einem schwulen Pärchen das gemeinsame Kind groß. Nicht bürgerlich? Reine Auslegungssache! Thomas Welter, schwuler Familienvater aus Berlin, sagt von sich selbst, er könnte kaum bürgerlicher leben. Ihn umtrieben im Alltag vor allem Ängste um seine Kinder. Was passiert, wenn ihm etwas zustößt? Sein Partner hätte (noch) keine rechtliche Handhabe.
Wie lernfähig ist die CDU?
«Ich nehme niemandem etwas weg, aber unseren Kindern wird etwas verwehrt», sagt Welter. Deshalb sei es an der Zeit, alte Dogmen loszulassen und die viel gepredigte freiheitliche Gesellschaft zu leben.
Das betont auch Stefan Kaufmann, erster bekennend schwuler CDU-Politiker im Bundestag. Er regt eine Anpassung der Verfassung an die sich verändernde Lebensrealität an. «Als das Gesetz geschrieben wurde, war Homosexualität noch strafbar», erinnert er. Doch das ist Reiche egal. «Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, kann ganz schnell Witwer werden», sagt sie.
Bleibt zu hoffen, dass sie die Strahlkraft des Themas, das aus ihrer Sicht nicht wahlentscheidend ist, unterschätzt. Immerhin haben sich 70 Prozent aller Deutschen jüngst für die Gleichstellung der Homo-Ehe ausgesprochen. Bei CDU-Anhängern sind es 60 Prozent.
Kaufmann sieht daher durchaus verschenktes Wählerpotenzial, sollte die CDU Homosexuelle verprellen. Er wünscht sich mehr Gelassenheit und mehr Mut im Umgang mit der Homo-Ehe. Und SPD-ler Scherf fordert im gleichen Atemzug: «Mehr Liberalität und Nicht-Diskriminierung leben und praktizieren!» Für die CDU ist es bis dahin noch ein weiter Weg.
